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Friedrich Winter

Evang. Kirche Simon und Judas

Einige Gedanken zum Namen unserer Kirche

Am Anfang schien es ganz einfach. Man war sich im Kirchengemeinderat einig, die ,,namenlose" Kirche in Heutingsheim wieder nach ihren Kirchenpatronen zu benennen und die 500jährige Widerkehr der Vollendung des Kirchenbaus dazu zum Anlaß zu nehmen. Doch was anderwärts problemlos möglich ist, gab hier einige Schwierigkeiten. Die beiden Kirchenpatrone selbst bereiteten wenig Kopfzerbrechen. Seit 500 Jahren blicken sie vom spätgotischen Netzgewölbe ernsthaft und nachdenklich herab; zwei bärtige Apostel Jesus Christi, in den Händen die Werkzeuge, durch die sie ihre Überzeugung mit dem Leben bezahlten: Simon mit der Säge und Judas mit der Hellebarde. Ihnen wurde das Kirchengebäude im Jahre 1487 geweiht, sie gaben ihm ihre Namen. Wir haben aus dieser Zeit zwar keine schriftlichen Belege, doch der Platz der beiden im Gewölbeschlußstein über der Stelle, an der ursprünglich der Hochaltar stand, läßt keinen Zweifel daran.

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Außerdem werden sie in den Rechnungen der Heiligenpflege, die das ,,Vermögen" des jeweiligen Kirchenpatrons verwaltete, mit Namen genannt: ,,deß Heyligen daselbsten, Beder Heyligen Apostel Simonis et Juda" (1683/84). Doch genau das war das Problem. Seit alters werden die beiden Jünger Jesu und späteren Apostel in der römischen Kirche zusammen verehrt. Zusammen hatten sie nach der Überlieferung das Martyrium erlitten, und gemeinsam wird ihrer auch am selben Tag gedacht: am 28. Oktober. Dieser Tag,,Simon und Juda" war ein fester Begriff im bäuerlichen Kalender. Auf ,,Simon und Juda" endete beispielsweise die gemeindliche Gänsehut, kurz ehe die Gänse dann ,,auf Martini" in die Kachel wanderten. Im Festkalender der Evangelischen Landeskirche Württemberg ist der 28. Oktober immer noch als ,,Tag der Apostel Simon und Judas" vermerkt. Die beiden Heiligen gehörten zweiffellos zusammen - doch wie wird daraus ein brauchbarer Name für eine Kirche? Mit einem Nikolaus oder einem Hl. Amandus ist das einfacher! Bei anderen gleichnamigen Kirchen sich umzusehen, hatte nicht viel Sinn. Simon und Judas sind als Kirchenpatrone selten, und die wenigen ihnen geweihten Kirchen sind katholisch und mit ,,St. Simon und Judas" richtig und sinnvoll benannt. Der aufmerksame Leser hat vielleicht auch schon die zweite Schwierigkeit erkannt: Juda oder Judas? Unsere lokale Überlieferung spricht konsequent von ,,Simon und Juda". Nun wird aber der hebräische Eigenname ,,Jehuda" im griechisch verfaßten Neuen Testament genauso konsequent,,Judas" geschrieben. Wollte man hier mit der Form ,,Juda" einer unangenehmen Verwechslung des Jüngers und Apostels Judas, der in den Evangelien auch ,,Thaddäus" genannt wird, mit dem anderen Jünger Judas, dem ,,Iskariot" vermeiden? Oder war der Gleichklang des Namens gar der Grund, daß der Name unserer Kirche im Lauf der Jahrhunderte in Vergessenheit geriet? Wir entschlossen uns, den Partner des Simon so beim Namen zu nennen, wie er im Neuen Testament bezeugt ist: Judas. Wir entschlossen uns auch, entgegen üblicher Tiadition, nicht für die bindestrichreiche Fassung ,,Simon-und-Judas-Kirche", sondern für eine klare Aussage: EVANGELISCHE KIRCHE SIMON UND JUDAS So sind die beiden Jünger auch im Neuen Testament bezeugt: ,,Thaddäus und Simon Kananäus" (Mt. 10, 3+4), ,,Thaddäus und Simon Kananäus" (Mk. 3, 18), ,,Simon genannt der Zelot; Judas, den Sohn des Jakobus" (Lk. 6, 15+16), ,,Simon der Zelot und Judas, der Sohn des Jakobus" (Apg. 1, 13). In Joh.14,22, bei einer der Abschiedsreden Jesu beim letzten Mahl heißt es ausdrücklich: ,,Spricht zu ihm Judas, nicht der lskariot". Die Hinweise und Beinamen sind notwendig, denn im Jüngerkreis gab es einen weiteren Simon, nämlich den Petrus, und auch den anderen Judas, den Iskariot. ,,Schimon" und ,,Jehuda" waren zur Zeit Jesu recht gebräuchliche Vornamen. Die Beinamen lassen aber auch, zumindest bei Simon, auf die Person schließen: ,,Zelotes" (griech.) bzw. ,,Kananäus" (hebr.) weisen ihn als ehemaligen Angehörigen der terroristischen Widerstandsgruppe aus, die, getrieben von religiösem Fanatismus, das Land gewaltsam von den Römern befreien wollte. Für diesen Mann bedeutete die Zugehörigkeit zu dem Kreis um Jesu eine radikale Absage an die Gewalt und eine Umkehr zu gewaltfreiem Leben und Denken im Sinne Jesu. Über die Tätigkeit der beiden Apostel als Verkünder der Botschaft ihres Herrn erfahren wir aus dem Kanon des Neuen Testaments nichts. Im apokryphen Material zum Neuen Testament gibt es die sogenannte ,,Abgarsage", ein Text aus der Kirchengeschichte des Eusebius. Sie berichtet von einem Briefwechsel Jesu mit dem König Abgar V. Ukkama (9-46 n. Chr.) von Edessa in Syrien. Darin bittet der König Jesus brieflich, ihn von einer quälenden Krankheit zu heilen und bietet ihm gleichzeitig seine Stadt als sichere Zuflucht vor den Nachstellungen der Juden an. Jesus lehnt in seinem Antwortschreiben das Angebot ab, weil er seine Aufgabe in Palästina erfüllen müsse. Er kündigt dem König aber den Besuch eines Jüngers an, der ihn heilen und ihm und den Seinen das Leben bringen wird. Dieser Jünger war Judas Thaddäus. Der Überlieferung nach schickte ihn der Apostel Thomas nach dem Tode Jesu nach Edessa, wo er den König heilte und das Land christianisierte. Nach einer anderen Legende wirkte Judas später dann zusammen mit Simon, der aus Ägypten, wo er bisher gelehrt hatte, zu ihm gestoßen war, in Syrien und Mesopotamien. Dann zogen beide weiter nach Persien, wo sich ihr Schicksal erfüllen sollte. Die Baradach-Legende erzählt, wie die beiden Apostel dem persischen König Sieg und Frieden prophezeien, die auch bald eintreffen, und ihn danach mit seinem Hofstaat und vielen Leuten des Landes taufen. In Heilungen zeigen sie die Kraft Gottes. Aufgefordert, diese Kraft in den Dienst des Königs zu stellen und seine Feinde zu besiegen, antworten sie:,,Nicht zu töten, sondern lebendig zu machen, sind wir gekommen." Weitere Wunderheilungen bringen sie schließlich in Konflikt mit den Zauberern und Priestern der alten Religion, die den Judas erschlagen und den Simon mit einer Säge umbringen. So berichten die Heiligenlegenden. Was aber bringt einen evangelischen Kirchengemeinderat dazu, den alten Namen aufleben zu lassen und seine Kirche wieder nach den beiden heiligen Aposteln Simon und Judas zu benennen? Daß die Heutingsheimer Kirche als einzige in Freiberg bisher nicht beim Namen genannt werden konnte, reicht als Begründung nicht aus. Mit dieser erneuten Namensgebung knüpfen wir bewußt an die lebendige Geschichte des Evangeliums an, wie sie mit den Jüngern und Aposteln Jesu Christi begonnen hat und bis heute wirkt. Weitergetragen durch Menschen, die bereit sind, dieses Evangelium zu verkünden und konsequent zu leben, auch in einer gleichgültigen oder feindseligen Umgebung. Bezeugt durch Menschen, die sich nicht scheuen, diesen Konflikt auszutragen und gegebenenfalls ihr Leben dafür einzusetzen, auch wenn dieser letzte Einsatz bei uns gegenwärtig nicht gefordert wird. Für dies alles stehen beispielhaft Simon Zelotes und Judas Thaddäus. Die katholische Kirche nennt sie ,,Heilige". Sie waren sicher nicht bestrebt, dies zu werden. Sie waren Menschen ihrer Zeit, die sich allerdings von anderen dadurch unterschieden, daß sie in lebendiger Gemeinschaft untereinander und mit ihrem Herrn Jesus Christus unter ihren Zeitgenossen so zu leben vermochten, wie es ihnen Jesus bei der Aussendung (Mt. 10) und nach seiner Auferstehung gewiesen hatte. In diesem Sinne können ,,Heilige" auch evangelischen Christen Vorbild sein. Die Kirche Jesu Christi als ,,Gemeinschaft der Heiligen", wie wir gemeinsam im Glaubensbekenntnis beten, kennt letztlich keine Unterschiede.

(Quelle: 1487 - 1987 Kirche Simon und Judas Heutingsheim)

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